Wie kann dem Mangeln an niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten im ländlichen
Raum zur hausärztlichen Versorgung entgegengewirkt werden? Eine Möglichkeit
zeigt der Vogelsbergkreis mit dem Modell des „Medizinischen
Versorgungszentrums“ seit Anfang dieses Jahres auf.

Die Situation der gesundheitlichen Versorgung stellt seit Jahren ein breit
diskutiertes gesellschaftliches Thema dar. Auf der einen Seite steht die persönliche
Betroffenheit der Einwohner, auf der anderen Seite stehen strukturelle
Herausforderungen gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Art. Zur
Lösung der damit in Zusammenhang stehenden Herausforderungen bedarf es des
Zusammenwirkens verschiedener Akteure. Längst wird die Gesundheitsversorgung
als Teil der Daseinsvorsorge und damit auch als Aufgabe der öffentlichen Hand
verstanden. Entsprechend gibt es auch seit etlichen Jahren im Vogelsbergkreis
vielfältige Initiativen und Projekte zur Sicherstellung der medizinischen
Versorgung. Schwerpunkte lagen und liegen in strategischen und operativen
Konzepten, die datengestützt die primärärztliche Versorgung im Kreisgebiet
längerfristig sicherstellen sollen. Ein wesentliches Ergebnis dieser jahrelangen
Arbeit ist der Aufbau eines kommunalen Medizinischen Versorgungszentrums,
dessen Träger der Landkreis und die Gemeinden Freiensteinau und Grebenhain
sind. Beide Gemeinden sind ebenfalls seit Jahren dabei, die medizinische
Versorgung ihrer Bürger sicherzustellen zu wollen. Aber erst die Zusammenarbeit
zwischen den beiden Gemeinden - fernab größerer Orte - und dem Landkreis
ermöglichte den Aufbau einer zukunftsfähigen Organisationsform, deren Resultat
ein wesentlicher Baustein zur Sicherung der medizinischen Versorgung im
ländlichen Raum darstellt.

Der Vogelsbergkreis ist mit seinen 1.460 km² Fläche der drittgrößte Landkreis
Hessens. Der Kreis umfasst 19 Städte und Gemeinden mit 186 Ortsteilen und
107.000 Einwohnern.

Neben der einwohnerstärksten Stadt Alsfeld (16.037 Einwohner) erfüllt die
Kreisstadt Lauterbach (13.612 Einwohnern) die Funktion eines Mittelzentrums. Mit
durchschnittlich 72 Einwohnern pro km² liegt der Kreis deutlich unter dem
hessenweiten Durchschnitt von 297 Einwohnern pro km²und stellt somit den am
dünnsten besiedelten Landkreis Hessens dar - mit abnehmender Einwohnerzahl.
In der Gemeinde Grebenhain leben 4.598 Einwohner in 15 Ortsteilen. Grebenhain
ist der Kernortsteil (986 Einwohner) mit dem Sitz der Gemeindeverwaltung und ist
Unterzentrum.

Freiensteinau ist die südlichste Gemeinde im Vogelsbergkreis mit 3.100 Einwohner.
Die Gemeinde besteht aus 11 Ortsteilen, wobei sich der Sitz der
Gemeindeverwaltung im größten Ortsteil Freiensteinau befindet.

Das Problem:
Die Hausärztinnen und Hausärzte im Vogelsbergkreis sind im Durchschnitt 55,35
Jahre alt. Ausgehend von einer Praxisaufgabe mit 65 Jahren werden bis zum Jahr
2025 48 Prozent, bis 2030 sogar 65 Prozent der heute tätigen Hausärzte
ausscheiden.

Unter anderem ist aufgrund fehlender Nachfolge im Kreis ein Rückgang von 73
Arztsitzen in 2011 auf 64 im Jahre 2020 zu verzeichnen - also neun Sitze weniger.
Es ist nicht davon auszugehen, dass der prognostizierte Rückgang der Bevölkerung
im Kreis und den beiden Gemeinden eine Verringerung der Nachfrage ärztlicher
Leistungen zur Folge hat. Die mangelnde Attraktivität der Hausarztmedizin liegt
nicht nur in der geringen Ausbildung von Hausärzten, sondern auch an den
Erwartungen des medizinischen Nachwuchses. Der Beruf des Mediziners ist
weiblicher geworden und die Anforderungen haben sich geändert. Es geht nicht
nur um das Einkommen, sondern auch um Familiengestaltung und Freizeit. Aber
auch um bürokratische Anforderungen und Auflagen in einer Praxis. Für viele
Medizinerinnen und Mediziner ist die Arbeit im Team erstrebenswert.

Die Lösung ?
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der bisherigen Arztpraxen wurden Aufgrund
der kommunalen Trägerschaft übernommen, von daher ist ein gut etabliertes Team
mit der Organisation des täglichen Ablaufs beauftragt. Die Stelle eines weiblichen
oder männlichen Praxismanagers ist ausgeschrieben.

Die Ziele und die sich daraus ableitenden Maßnahmen für die kommenden Jahre
sind von zwei Perspektiven aus zu betrachten: Zum einen die Verstetigung der
Struktur, zum anderen der medizinischen Versorgung der Bevölkerung im
ländlichen Raum.

Der jetzt aufgebauten Organisation können sich bei Bedarf auch weitere
Gemeinden anschließen. Unter Leitung des Ersten Kreisbeigeordneten und
Gesundheitsdezernenten des Vogelsbergkreises, Dr. Jens Mischak, wurden die
verschiedenen Beteiligten aus unternehmerischer Beratung, Kommunalpolitik und
örtlicher Medizin an einen Tisch geholt und das MVZ-Konzept in seiner jetzigen
Form erarbeitet.

Für das MVZ ist die Trägerschaft in der Rechtsform einer gemeinnützigen GmbH
gewählt worden. Mehrheitsgesellschafter ist der Vogelsbergkreis, die beiden
beteiligten Gemeinden sind Minderheitsgesellschafter. Diese
Gemeinschaftsstruktur stellt ein Novum dar. Denn bisherige kommunale
Versorgungszentren weisen entweder eine Kommune oder einen Landkreis auf. Die
Kombination aus Landkreis in gemeinsamer Trägerschaft ist bisher noch nicht
umgesetzt worden. Daher kann das MVZ einen zukunftweisenden Weg auch für
andere Kommunen und Landkreise darstellen

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